Deine Leidenschaft braucht ein Geschäftsmodell

Einst sang Marius Müller-Westernhagen im Song „Mit 18“: „Denn Gold find‘ man bekanntlich im Dreck, und Straßen sind aus Dreck gebaut.“ Heute scheinen nicht die Straßen aus Dreck gebaut, sondern das Internet. Gurus geben Dir in Webinaren 10 unschlagbare Tipps, wie Du mit drei Stunden Arbeit in der Woche mehr als 16.000 Euro im Monat verdienst. Überteuerte E-Books, deren Inhalt sich auf zwei DIN A4-Seiten zusammenfassen lässt, verraten Dir, wie Du in wenigen Wochen mit Bitcoins Multimillionär wirst. Und dann erzählen Dir noch unendliche Ratgeber, dass Du nur Deiner Leidenschaft folgen musst, zum Beispiel „Reisen“, „Vegan leben“ oder „Klamotten kaufen“, und schon wirst Du erfolgreicher Geschäftsmann.

Was steckt hinter diesen Prophezeiungen? Hoffnung. Hoffnung auf ein sinnvolleres Leben, Hoffnung auf finanzielle Unabhängigkeit. Mit dieser Hoffnung verdienen diese Heilsbringer viel Geld. Sie haben es geschafft. Aber Du? Schon mein früherer Chef sagte mir weiland, als ich noch Angestellter war: „Tariq, eins musst Du Dir immer vor Augen halten, das Handeln des Menschen ist geprägt von der Angst vor Verlust und der Hoffnung auf Gewinn.“

Hoffnung und Naivität gehen oft Hand in Hand

So erzählte mir vor einem Jahr einer meiner Auszubildenden, er werde fortan sein Leben ändern. Das sagte er mir nach seinem Urlaub in Österreich. Dort erlebte er während eines Kletterausflugs eine lebensgefährliche Situation. Dieses Erlebnis brachte ihn uns Grübeln: „War es das? Soll so mein weiteres Leben aussehen?“ Seine Antwort: „Nein, ich brauche Veränderung.“ Nach der Rückkehr drückte er mir als erstes seine Kündigung in die Hand. Auf meine perplexe Reaktion und der Frage, was er denn jetzt machen wolle, sagte er mir stolz: „Ich habe beschlossen, viel Geld zu verdienen, und zwar im Süden.“ Als ich nachfragte, wie denn sein Plan aussähe, antwortete er vollen Ernstes: „Das habe ich Dir doch gerade gesagt. In den Süden gehen.“ Das meinte er ernst! Er erklärte mir, er wisse noch nicht wie, aber viel Geld solle es sein. Hääääääää?

Nennt mich unromantisch

Das ist natürlich ein Extremfall, aber diese Naivität erlebe ich immer wieder, wenn ich mich mit digitalen Nomaden und anderen jungen Gründern unterhalte. Bei digitalen Nomaden steht an erster Stelle, der Wunsch zu reisen. Sie wollen die Welt und neue Menschen kennenlernen und – irgendwie – das Geld verdienen, das sie dafür benötigen. Ihr Herz und ihre Brieftasche sind offen für jeden, der ihnen den Eindruck vermittelt, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. Sie leben leidenschaftlich. Sie haben die Energie, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Ein Problem sehe ich aber: Viele wissen zwar sehr genau, was sie nicht wollen, aber seltener, was sie möchten.

Du magst mich jetzt vielleicht unromantisch nennen, Leidenschaft ist gut, Leidenschaft ohne Plan und Ziel ist im Geschäftsleben gefährlich. Schließlich soll Dein Geschäft keine heiße, kurze Affäre sein, sondern Deinen Lebensunterhalt sichern.

Wer sein Ziel nicht kennt, kann noch so schnell rennen, er wird es nicht erreichen. So viel Kalenderspruch-Philosophie muss sein. Aber der Spruch geht eigentlich weiter.

Mit Flip-Flops schneller als Usain Bolt?

Stellen wir uns folgendes Szenario vor. Du bist ein richtig guter Läufer, Usain Bolts legitimer Erbe. Ich setze Dir nun einen hundsmiserablen Läufer entgegen, dessen Vorfahren sich anscheinend mit einer Schildkröte gepaart haben, der zudem 20 Kilo zu viel auf den Rippen hat, ein Schicksal, das ich mit ihm teile, und der zu alledem noch Flip-Flops trägt. Scheint ein langweiliges Rennen zu werden. Nun gehe ich zu den etwa 100 Zuschauern und flüstere ihnen zu, wo sie die Zielankunft des sensationellen Flip-Flop-Läufers erleben werden. Dort sollen sie nun hingehen. Mr. Flip-Flop stecke ich zu, er solle immer den roten Pfeilen folgen. Der Startschuss erfolgt. Bolts Erbe schießt los, immer geradeaus, wie er es gelernt hat, während mein schwergewichtiger Freund rechts, den roten Pfeilen folgend, abbiegt.

Die Pointe: Es geht weder um Usain Bolt noch um Mr. Flip-Flop, es geht um die Zuschauer. Ihnen habe ich schmackhaft gemacht, dass sie eine große Sensation erleben werden: Die Blamage des vermeintlichen Wunderläufers Usain.

Denn Bolt merkt entweder gar nicht oder viel zu spät, dass das Ziel nicht vor seiner Nase liegt. Und selbst wenn er so clever ist, zu warten und erst einmal hinterherzurennen, um seinen Konkurrenten auf den letzten Metern zu übersprinten, würden die Zuschauer despektierlich denken. „So gut, wie er behauptet, rennt der gar nicht. Er konnte den Dicken erst im letzten Moment überholen.“ Die Zuschauer kommen immer auf ihre Kosten.

Warum verhalten sich viele so, wie der Sprinter? Unsere Hoffnungen sollen so schnell wie möglich wahr werden. Nix wie los. Das „Wie?“, „Wo?“ und „Wie lange?“ werden zur Nebensache. Nicht zu vergessen, die völlig unromantischen Fragen: „Wie zum Teufel kann ich mit meinen Ideen Geld verdienen?“, „Braucht einer den Scheiß überhaupt?“ Also die Frage nach den Wünschen der Zuschauer.

Kurzanleitung für ortsunabhängige Selbstständigkeit

Wer etwas verkaufen möchte, sollte etwas anbieten, das andere wollen (nicht unbedingt brauchen). Zwei Schritte reichen fürs Erste:

  1. Stell Dir die Frage, welchen Vorteil Du Personen bieten kannst, für den diese bereit sind zu bezahlen.
    Natürlich ist es toll, wenn Du besondere Fähigkeiten hast, die andere beeindrucken und Dir immer wieder ein Schulterklopfen einbringen. Es ist auch atemberaubend schön, wenn Du dadurch Glück spürst. Nur: Das beste Produkt, die tollste App oder die beste Dienstleistung nützt Dir absolut nichts, wenn Du diese nicht verkaufst! (Frei nach Dirk Kreuter).
  1. Gib Deiner Leidenschaft ein Geschäftsmodell. Deine Leidenschaft braucht ein echtes und strukturiertes Zuhause in Form eines einfachen Business-Plans. Diesen Business-Plan erstellst Du nicht für Banker oder Investoren, sondern für Dich! (Eine genaue Anleitung folgt).
    Ein mir entfallener Denker meinte: „Es kommt nicht darauf an, dass Du das, was Du tust, richtig machst. Es kommt darauf an, dass Du das Richtige tust!“ Oder anders ausgedrückt: Brotlose Kunst ist schön, bleibt aber brotlos. Mach also Brot.

Das Geschäftsmodell: Gehe auf die Reise

Ein Geschäftsmodell lässt sich als Reise verstehen:

  • Wo stehe ich?
  • Wo will ich hin?
  • Wen nehme ich mit?
  • Was brauche ich für die Reise?
  • Gibt es Alternativ-Routen?
  • Welche finanziellen Ressourcen habe ich?
  • Was soll die Reise am Ende des Tages mir bringen?

So haben Geschäftsmodell und digitale Nomaden – nebenbei gesagt – einiges gemeinsam. Bei der Reiseplanung helfen eigene Erfahrungen. So hilft es, mehrere Reisen gegenüberzustellen, sprich, mehrere Modelle aufzustellen. Das öffnet die Augen für Hindernisse und Chancen und Menschen, denen Du begegnen und die Du begeistern willst.

Oder um es in der Business-Sprache auszudrücken: Produkt, Zielgruppe, Gewinnerwartung und Kosten müssen klar definiert sein.

Dass dabei die Leidenschaft nicht auf der Strecke bleiben muss, zeige ich Dir an einer kleinen Geschichte.

Von der Yoga-Lehrerin, die auszog, …

Vor wenigen Monaten traf ich bei unserem Sommertreffen des CitizenCircle eine Yogalehrerin. Sie lebt zur Zeit, genau, auf Bali und gibt dort zweimal die Woche Yogakurse. Existieren kann sie davon, leben nicht. Denn die Bezahlung ist hundserbärmlich. Ihr Problem: Sie konkurriert mit jungen Animateuren, die ihre yoga-ähnlichen Übungen aus fünf YouTube-Videos zusammengeklaubt haben und ihre Dienstleistungen für 3 Euro die Stunde feilbieten.

„Was kann ich machen, Tariq?“, fragte sie mich fast flehentlich. Ich stellte ihr eine Gegenfrage: „Was brauchst Du zum Leben?“ Sie nannte mir eine realistische Summe. „Okay, du brauchst eine andere Zielgruppe.“

Wer braucht Yoga am dringendsten und hat dazu auch noch einen dicken Geldbeutel? Gestresste Geschäftsleute.

„Biete Yogakurse für gestresste Geschäftsmänner an. Nach dem Motto: In 7 Tagen von 100 auf 0! Schöpfe neue Kraft fürs Business. Lieber Direktor Mustermann, ich habe ein All-inclusive-Reisekursangebot, das es Ihnen ermöglicht innerhalb von wenigen Tagen neue Energie zu tanken. Ich kümmere mich um alles. So könnte Dein Angebot aussehen: Flug (inklusive Vermittlungsgebühr), Hotel (inklusive Vermittlungsgebühr), Transfer und zwei tolle Ausflüge (inklusive Vermittlungsgebühr) und Yoga-Kurs an traumhaften Locations (Deine Haupteinnahmequelle).“

Die Yoga-Lehrerin schaute mich zweifelnd an. „Das zahlt doch keiner.“ Zufällig stand in der Nähe ein mir bekannter SEO-Spezialist. Ich sprach ihn sofort an: „Du, hast Du Lust auf eine Woche Bali mit Yoga-Kurs zum Runterkommen. Du siehst ziemlich gestresst aus. Wir müssen uns um nichts kümmern, ernähren uns gesund, nehmen vielleicht noch zwei Kilo ab, machen nebenbei ein paar Ausflüge und der Preis ist absolut in Ordnung?“ „Was kostet der Spaß?“ Ich nannte ihm eine Summe, bei der die Yoga-Lehrerin alleine an ihm 500 Euro verdient. Er sagte spontan zu.

Anstelle eines Fazits: So etwas wie eine Moral

Die Moral von der Geschichte: Die Leidenschaft ist die selbe, nur das Geschäftsmodell ist ein anderes.

Die eigentliche Moral: Lebe Deine Leidenschaft. Aber kalkuliere genau, was Du zum Leben brauchst und wie Du das erreichen kannst.

Du rennst schließlich nicht nur zum Spaß, sondern weil das Rennen Dein Leben finanzieren soll. Es ist Dein Geschäft und so musst Du an die Sache rangehen.

Meine Buchempfehlung zum Thema Business Plan und Geschäftsmodell findest Du hier:

Foto: Jirapong Manustrong auf istock

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TAGEBUCHSCHREIBER

Selbstständigkeit ist wie eine Kirmes: laut, bunt und wild. Auf der Kirmes brauchst Du keinen blauen Zweireiher, schwarze Kostüme und dubiose Ratgeber.

Aber einen guten Begleiter, den brauchst Du auf der Kirmes. Einer, der Dir zeigt, was sich lohnt, was nur Neppbuden sind und der Dich unterhält.

So ein Begleiter ist Founders-Diary, der Blog für Gründer und Start-ups. Aufgezeichnet von Tariq, selbst seit Jahren Unternehmer.

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7 Kommentare
  1. Harald Hertel sagte:

    Tariq, super geschrieben .. genau bei mir zum richtigen Zeitpunkt wo ich mich verändere .. perfekte Timing.
    Liebe Grüße
    Harry
    Passau

    Antworten
  2. Oliver sagte:

    Hallo,
    sehr guter Artikel! Vielen Dank.
    Was wäre denn die genannte Buchempfehlung zum Thema Businessplan?
    Entweder zeigt mein Browser das nicht an, oder der Link ist nicht hinterlegt.
    Viele Grüße
    Oliver

    Antworten

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